Ein Geschenk aus der Schweiz und seine Geschichte

Donnerstag, 16. September 2021, 08:00 Uhr
Wenn heute Besucher die vier historischen Loks in der ehemaligen Feuerwache bestaunen, können sie nur erahnen welche Arbeit, Geld und Herzblut von den Freunden aufgewendet wurde um den heutigen Zustand zu erreichen.
Als der Verein gegründet wurde und seine Ziele definiert wurden, war schnell klar das nicht nur IFA sondern auch O&K einen Platz in der Ausstellung finden müsse.
Erste O&K-Motorlokomotiven, Leihgaben vom Peter Erk von der Feldbahn-Betriebsgesellschaft Ilmenau waren der Anfang um die Lokomotiven Ära der MONTANIA Nordhausen von 1907-1942 vorstellen zu können.
Aber wo geeignete weitere Exponate finden, ein Zufall kam den Vereinsfreunden entgegen.
Die Fam. Wymann aus der Schweiz fand das IFA-Museum im Internet.
Nach Erstem telefonischen Kontakt am 4. Juli 2013 kam am gleichen Tag folgende Mail:


BAHNMUSEUM KERZERS

Guten Tag,
Im Jahre 2000 gründeten mein Sohn und ich das Bahnmuseum Kerzers. Leider mussten wir das Gelände wo die Fahrzeuge standen wegen Verkauf räumen und wir fanden ein neues Domizil in Kallnach.
Nun erhielten wir nach sechs Jahren von der Firma die Hiobsbotschaft das das Gelände überbaut werde, ein Gebäude steht bereits auf dem Zufahrtsgleis. Unser ganzes Herzblut haben wir in die Sammlung und den Aufbau des Museums gesteckt. Um nochmals von vorne anzufangen fehlt uns langsam die Kraft. So haben wir uns entschlossen ein Teil unserer Fahrzeuge an Museen abzugeben da wir weder von der Gemeinde noch anderen Institutionen je eine Unterstützung erhielten.
Durch Zufall sind wir im Internet auf das IFA-Museum gestoßen.
Es geht um Folgendes:
Im Jahre 2004 haben wir die letzte noch originale in Europa existierende MONTANIA Typ L 308 Nr.1520 Bj.1922 vor der endgültigen Verrottung gerettet. Da die Lok in Nordhausen gebaut wurde, würden wir Ihnen die Lok gerne als Dauerleihgabe abgeben, falls ein Interesse besteht.
Der Motor ist soweit noch funktionstüchtig, leider ist der Magnetzünder bei der Überholung bei einer Firma bei einem Hochwasser verloren gegangen. Baupläne für Magnetzünder sind vorhanden, div. Material würden wir mitgegeben. Es würde uns freuen wenn Sie dieses Exponat übernehmen würden.
Andere Interessenten sind auch vorhanden, möchten der Lok aber einen modernen Dieselmotor einbauen.
Einzig, Verladung und Transport müsste Ihr Museum übernehmen und ein kleines Schild mit dem Hinweis "Bahnmuseum Kerzers Schweiz"

Gerne erwarten wir Ihre Antwort
Mit freundlichen Grüßen
Bahnmuseum Kerzers-Kallnach
Rolf & Roger Wymann


Man kann sich sicher vorstellen, welche Freude diese Nachricht bei den Vereinsfreunden am Stammtisch auslöste. Solche Leckerbissen in die Ausstellung zu bekommen wäre eine Sensation.
Ernüchterung folgte beim Besprechen de Transportaufgaben per Schiene oder Straße. Welche Kosten und Genehmigungen sind erforderlich und ganz besonders, wer übernimmt die Leitung?
Die Vereinsfreunde Wilfried Geiger, Otto Brandt und Hans-Joachim Port waren es schließlich die die Verantwortung für das Projekt übergeben bekamen.

Wilfried Geiger berichtet über diese spannende Zeit:

Vor den Vereinsfreunden standen Aufgaben mit denen sich keiner zuvor beschäftigt hatte.
Von Anfang Juli 2013 bis zur Fahrt am 9. September habe ich praktisch in Tag- und Nachtarbeit die Ausnahmegenehmigungen hinsichtlich Zollfreistellung für Gegenstände gemeinnütziger Art mit erzieherischem, wissenschaftlichem oder kulturellem Charakter und die Genehmigungen für die Einfuhr zusammengetragen.
Die Genehmigungen für Schwerlasttransporte und Überbreite, sowohl für Deutschland, als auch für die Schweizer Kantone Bern und Freiburg mussten erarbeitet und eingeholt werden.
Unterstützung bei der Vorbereitung erhielten wir vom Autohaus Peter, sowie vom Berufsbildungszentrum Straßenverkehr, Herrn Salomon und Frau Lischka, von den Zollämtern Berlin, Erfurt und Nordhausen.
Ohne Fam. Wymann, die uns die technischen Daten lieferten, die Genehmigungsgebühren für die Schweiz vorstreckten und die Kranfirma „Affolter“ gebunden hatten, wäre mir das wohl kaum in 9 Wochen gelungen.

Schon während der Vorbereitungszeit kam von Fam. Wymann das Angebot noch weitere drei O&K-Lokomotiven zu übernehmen. Damit wurde die Aufgabe nicht gerade leichter, aber interessanter.
Endlich hatten wir alle Dokumente zusammen. Am Montag, den 9. September standen auch die Schwerlasttransporter der Fahrzeugwerke Niedersachswerfen, der Spedition Otto und der LKW des BBZ mit Anhänger von Henning-Bau bereit. Das Abenteuer konnte beginnen!
Vom Vorsitzenden Helmut Peter bekamen wir 4.000,- Euro geliehen um die Krangebühren, Hotelkosten und Straßenzölle in der Schweiz bezahlen zu können. Die lange Reise in die Schweiz konnte beginnen
Endlich, am späten Nachmittag Ankunft in Kerzers und herzlicher Empfang durch Fam. Wymann. Otto Brand und ich waren natürlich mit dem Auto vom Autohaus Peter schneller als die Lastzüge.

Wir wollten Fam. Wymann zum Abendbrot in unser Hotel einladen aber Doris Wymann sprach das Machtwort: „Das kommt gar nicht in Frage, das ist viel zu teuer, wir haben für alle gekocht“.
Die Fahrer Fritz Siegmann, Norbert Ritter, Stephan Knolle und Marcus Doman trafen mit den Transportfahrzeugen erst gegen Abend ein.
Am Folgetag begannen wir mit der Verladung. Bekocht haben uns auch an diesem Tag die Hausfrauen Doris und Krystina. Fleisch, Reis, Curcoma, Getränke, Kaffee und Kuchen mundete allen Freunden.
Verladen hat die Kranfirma Affolter, die wir gerne weiter empfehlen. Schwerstarbeit dabei haben Roger Wymann, unsere Kraftfahrer und Otto Brandt geleistet. Rolf Wymann dirigierte, ich hatte die Kamera und das Geld und mußte höllisch aufpassen, dass es bis zuletzt reicht.
Nachdem wir am 10.09. bis in die Nacht hinein alles verladen hatten, ging es am nächsten Morgen auf gen Grenzübergang Basel. Die Fahrstrecke war in den Genehmigungen exakt vorgegeben.

Die LKW fuhren voraus, wir mit dem PKW, etwa 2 Std. später hinterher. Rolf Wymann begleitete uns, was sich noch als Vorteil erweisen sollte.
Gegen Mittag, am 11.09. waren wir am Grenzübergang, nicht ohne mir ein Knöllchen über 210,82 Euro für 24 km/h Geschwindigkeitsübertretung auf der Autobahn eingehandelt zu haben. Meine Vereinsfreunde haben mich mit 100 Euro entlastet, Danke!
Als Erstes musste ich beim Schweizer Zoll die Genehmigungen vorlegen und die Straßenzölle für die LKW entrichten. Da war das Restgeld von den 4.000 Euro schnell ausgegeben. Zum Glück hatte die Spedition Otto ein elektronisches Abbuchungsverfahren und VF Otto Brandt Reserven im Portemonnaie, sonst...?
Der 1. dicke Hund, 20 Jahre Vertragslaufzeit für Leihgaben hat der Schweizer Zoll nicht akzeptiert, höchstens 2 Jahre und 2 mal 1 Jahr Verlängerung. Da hätten wir die Lokomotiven am besten gleich wieder zurückgebracht. Die Rettung, der Senior des Deutschen Zoll hat sich für uns verwendet und es wurde ein Ausfuhrdokument erstellt. Möglich war das nur weil der Eigentümer, Rolf Wymann persönlich anwesend war.
Der 2. Dicke Hund, in den T1-Scheinen stand als Zollübergang „Rheinfelden“, obwohl wir „Basel“ beantragt hatten. Wieder war die Rettung der Senior des Deutschen Zoll, er hat zwischen Basel und Rheinfelden per Fax die Dokumente korrigieren lassen.
Etwa 5 Stunden dauerte das ganze Prozedere, endlich hatten wir alles geregelt bekommen und bei der Einfahrt nach Deutschland war Allen die Erleichterung anzusehen.
Die Weiterfahrt verlief problemlos, der BBZ-LKW in Doppelbesetzung und wir im PKW konnten ohne Pause fahren, die LKW von FWN und Spedition Otto mussten Pausenzeiten einhalten.
Am 12.09.2013 um 11:45 Uhr waren wir dann aber alle pünktlich zum feierlichen Empfang im IFA-Museum angekommen.

der Transport

Um es kurz zu machen, die 4 Lokomotiven wurden im Lokschuppen, der ehem. Feuerwache ins Trockene gebracht. Zuvor mussten mit Hilfe der Vereinsfreunde Hilfsschienen installiert werden.
Die anschließende Rekonstruktion der vier Loks zog sich über fast sechs Jahre hin.
Die Bilder im Anhang geben nur einen kleinen Überblick über die vielen am Projekt Beteiligten und schließlich über das Ergebnis vieler Stunden Arbeit um diese Zeugnisse Nordhäuser Maschinenbautradition zu erhalten.

Besonderer Erwähnung bedürfen
- die Mitarbeiter in den Maßnahmen des Jobcenters Nordhausen, sie haben die eigentliche Arbeit bei der Rekonstruktion der Loks verrichtet.
- die Lackierer im Lackcentrum der Peter Gruppe, sie haben der L 308 so ein schönes Kleid verpasst
- die Mitarbeiter der Firma Laseranwendungstechnik, sie haben die neuen Bleche für die H2 mit ihrer Spitzentechnik ausgebrannt und gespendet.

Heute stehen die 4 Oldtimer zur Freude der Besucher im Museum. Sie vervollständigen mit den Lok s von Peter Erk aus Ilmenau und Volker Lange aus Großpösna die Geschichte der Schienenfahrzeuge aus dem Südharz.

Nachtrag:

Familie Wymann: Vater Rolf Lokomotivführer, Sohn Roger Metallbauschlosser, von Kindheit an immer mit bei Vaters Lokomotiven, sowie Mutter Doris und Freundin Chrystina, bauten gemeinsam das Eisenbahnmuseum in Kerzers / Kallnach auf.
Sie haben mit Akribie die Rekonstruktion Ihrer Lokomotiven in Nordhausen verfolgt und sich ständig für die aktuellen Fortschritte und deren Funktionalität interessiert.
Rolf Wymann war in dieser Zeit dreimal als mein persönlicher Gast in Nordhausen.
In den vielen Jahren seit 2013 sind aus Fremden gute Freunde geworden. Freunde die sich gegenseitig vertrauen und die wissen, dass Ihre Schätze in guten Händen sind.

Wen wundert es, dass sie dieses Interesse am Erreichten veranlasste die Lokomotiven dem Verein IFA-Museum Nordhausen am Harz e.V. in treue Hände zu geben.
Im Febr. 2017 schenkten sie uns schon die Lok „H2“ als Basis zur Herstellung ihres originalen Kleides von 1927 und im Sept. 2021 die Lokomotiven „L308“, „RL4“ und „RL1c“.

Vor 10 Jahren wurde das IFA-Museum eröffnet, es konnte keinen besseren Tag als die Festveranstaltung am 11.09.2021 geben, um Verein und Öffentlichkeit über diese Entscheidung zu informieren.
Die Loks sind ein großer Gewinn für die Geschichte von Nordhausen und der Region.



Wilfried Geiger
Nordhausen, den 24.09.2021