Ein alter Nordhäuser im Museum

Sonntag, 18. Juli 2021, 21:48 Uhr
Bei dieser Überschrift denken doch die meisten (vorwiegend) männlichen Leser „Den kennen wir“! Aber bei dieser Vorstellung geht es nicht um den allseits bekannten Nordhäuser aus der Spirituosenbranche aus echtem Schrot und Korn. Dessen umfängliche Historie kann man sich in Nordhausen in der Traditionsbrennerei von Nordbrand genüsslich zu Gemüte führen.

Nein, hier soll die Rede von einem „ NORDHÄUSER“ aus Eisen und Stahl, mit beträchtlichem Gewicht und stolzem Alter sein. Hier geht es um Technik und im speziellen um Motorentechnik. Es zeigt sich, dass die Ursprünge des Motorenbaus in Nordhausen weiter zurück liegen als hinlänglich bekannt. Diese industrielle Vergangenheit für die nächsten Generationen zu bewahren, ist wichtigstes Ziel der Freunde im IFA-Museum Nordhausen.

Heinz-Gerhard Mund ist Seniorchef von „Mund`s Mühle“, die wenige Kilometer in westlicher Richtung von Nordhausen an der Helme steht. Die Tradition der Mühle reicht bis ins Jahr 1732 zurück. Angetrieben wurde die Mühle durch ein Wasserrad und später eine Dampfmaschine. 1927 investierte die Familie 80 Tausend Goldmark und ersetzte die Dampfmaschine durch eine 50 PS Wasserturbine. Mund erzählt, dass sein Großvater Eduard damals über die Geschäftskontakte mit den Nordhäuser Firmen – Gerlach-Werke AG bzw. Hans Winkler GmbH – entschieden hatte, zur Verlässlichkeit des Mühlenbetriebes zusätzlich zur Wasserkraft einen Dieselmotor als Antriebsaggregat einzubauen.

Bemerkenswert ist, dass es durch die Einzellage des Mühlengehöfts keine Anbindung an das Stromnetz gegeben hat. Somit wurde die Wasserkraft der Helme in Kombination mit dem Diesel zur Elektroenergieerzeugung genutzt. Die Antriebskopplung zwischen Wasserturbine und Diesel hatte für die Startprozedur des Selbstzünders zudem einen willkommenen Nebeneffekt. Die sonst erforderliche, nicht unerhebliche Muskelkraft zum Anwerfen des Motors mittels Handkurbel wurde nun durch die Wasserturbine geleistet. Alles in allem für die damalige Zeit und die technischen Möglichkeiten eine fortschrittliche Kombination zur Energiegewinnung. Bis in die 1970er-Jahre leistete der kleine stationäre Zweitakter zuverlässig seine Dienste.
Auch unter den schwierigen Gegebenheiten der DDR-Wirtschaft wurde die Familientradition durch die Familie Mund aufrecht erhalten. Nach der Wende veränderten sich die Wirtschaftsverhältnisse. Sie brachten für den Traditions-Mühlenbetrieb neue Herausforderungen, aber auch neue Möglichkeiten. Der alte Diesel musste seinen Platz räumen. Dafür wurden Verkaufsräume für neue Handelssortimente geschaffen und der Mühlenbetrieb weiter aufrecht erhalten.
Heinz Mund, der von Kindesbeinen an mit dieser Technik vertraut war, gab den „NORDHÄUSER“ nicht zum Verschrotten.

Die alte Technik blieb in der Mühle, später wurde sie bei den Lanz-Bulldog-Freunden in Sundhausen abgestellt und fristete dort ein etwas einsames Dasein. Hier entdeckten ihn die Vereinsfreunde und waren sich schnell mit allen Beteiligten einig, dass der „NORDHÄUSER“ in die Reihe der Exponate des IFA-Museums gehört. In der Museumswerkstatt erhielt er zunächst eine Auffrischung und bekam einen repräsentativen Standplatz – obwohl ihm seit seiner Außerdienststellung nicht nur der Zylinderkopf fehlt. Vor wenigen Tagen übergab nun Heinz-Gerhard Mund den Motor als Dauerleihgabe offiziell an das IFA-Museum.
Die Corona-Situation war zwar daran Schuld, dass der Neuzugang nicht schon 2020 entsprechend vorgestellt wurde, aber inzwischen gibt es auch mehr Erkenntnisse über den „NORDHÄUSER“, einem Motorentyp aus den 1920er-Jahren.
Vereinsfreund Geiger hat in Zusammenarbeit mit H.-Dieter Werther zu den damaligen konstruktiv-technischen Lösungen sowie den Herstellerfirmen recherchiert. Das Ergebnis können nun Besucher in der Beschreibung zum Exponat nach lesen. Darüber hinaus nehmen die Vereinsfreunde gerne weitere Infos entgegen, um die Geschichte des Motorenbaus in Nordhausen noch besser zu ergründen. Der Verein freut sich über alle Freunde der Geschichte die dem „eisernen NORDHÄUSER“ einen Besuch abstatten.

von links: Wilfried Geiger, Heinz Gerhard Mund, Udo Kürbis, Kurt Bierwisch

Kurt Bierwisch im Juli 2021