100 Jahre Geschichte

Von der Lok- und Traktorenära zum Motorenbau

Dr.-Ing habil Werner Steinmetz, Dipl.-Ing.(FH) Albert Heber, Dipl.-Ing.(FH) Wilfried Geiger

Als das IFA-Motorenwerk Nordhausen 1992 seine Werkstore für immer schließen musste, endete eine fast neunzigjährige Ära. Sie begann mit der Herstellung von Grubenloks und Rohölmotoren, setzte sich über den Schlepperbau fort und führte schließlich zum Ausbau des Werkes als größter ostdeutscher Dieselmotorenproduzent. Heute sind im jetzigen IFA-Industriepark wieder 57 Unternehmen mit immerhin 726 Beschäftigten tätig. Wie kaum ein anderer Ort reflektiert der IFA-Standort die Geschichte des 20. Jahrhunderts in all ihren Facetten von der Gründerzeit bis zum Heute.

Die Anfänge des Maschinenbaus in Nordhausen reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. So war seit 1841 an der Johannistreppe der Kupfer- und Messingschmied Oscar Kropff ansässig. Er kann als ältester Nordhäuser Maschinenbauer angesehen werden. Aus dem Zweimannbetrieb wurde 1871 die Maschinenfabrik Oscar Kropff & Co. Die Fa. baute Eismaschinen, Filtrierapparate, Feuerspritzen und Anlagen zur Herstellung kohlensäurehaltigen Mineralwassers. Julius Fischer, ein weiterer prominenter Pionier des Maschinenbaus, befasste sich mit dem Bau von Maschinen für die Tabakverarbeitung, mit Mühlengeräten, mit Gasmotoren und mit Tapetendruckmaschinen. Aber beide Betriebe zusammen beschäftigten 1860 nur ca. 200 Arbeitskräfte. Erst mit der Anbindung Nordhausens an das Eisenbahnnetz 1866 ging es mit der „Metallinnung“ weiter aufwärts. Als dritte und bedeutendste Fa. ließ sich 1863 die Eisengießerei Raven & Weydmeyer in der Ullrich-/Friedrichstraße nieder. Bis zu 400 Arbeiter produzierten Gußteile für die Eisenbahn, z.B. auch die schönen Tragsäulen am Bahnsteig 1 des Nordhäuser Bahnhofs.
Firmengründung - Fertigung von Motorlokomotiven Bauernschlepper (im Hintergrund die ehem. Fabrikhalle) (Foto: IFA-Museum)Die Lock L 308 2015 restauriert (Foto: IFA-Museum)
Grubenlokomotive 11 PS bauj. 1936 geliefert an Egyptian Phosphate (Foto: IFA-Museum)O & K AG Montania-Werk Nordhausen (Foto: Archiv)

Zweiter Weltkrieg - Produktion von Panzermotoren

1939 / 1940 erfolgt die stufenweise Umstellung auf Kriegsproduktion und nach der Göbbelschen Ausrufung des „Totalen Krieges“ 1943 dann die volle Umstellung. Ein Teil des Maybach-Motorenwerks in Friedrichshafen wird vom Bodensee nach Nordhausen verlagert. Unter anderem werden 12-Zylinder Maybach-Ottomotoren mit 220 und 300 PS für Panzer produziert. (Bild 5) Ein Zeitzeuge Willi Frey berichtet: „In kürzester Zeit mussten wir durch Montage-Training an Reparatur-Motoren uns in die komplizierte Technik dieser Hochleistungsmotoren einarbeiten. Unter Leitung von Meister Wiedemann wurden in Halle 4 (heute Nordic Solid Surface GmbH) täglich 25 Motoren gebaut. Als Vergaserkraftstoff knapp wurde, mussten wir die Prüfstandsläufe mit Generatorgas durchführen. Eine eigene Anlage zur Kohlevergasung wurde dazu kurzfristig errichtet. Die Serienfertigung dieser Motoren verlangte wesentliche Umbauten im Betrieb. Die Investitionen für neue Werkzeugmaschinen und den Bauanteil betrugen etwa 5 Millionen Reichsmark.

Mit dem verbliebenen Stamm der Belegschaft waren die Kriegsaufträge nicht zu bewältigen (200 Mitarbeiter hatten ihren Einberufungsbefehl zur Wehrmacht erhalten). Gegenüber dem Betriebsgelände, etwa am heutigen Standort der AGIP-Tankstelle hatte man eine Barackenstadt für ein sogenanntes Fremdarbeiterlager errichtet. Dort waren die 1200 „Fremdarbeiter“ untergebracht, die mit Millionen Menschen gleichen Schicksals aus den eroberten Ländern zwangsweise nach Deutschland verbracht worden waren. Diese 1200 Zwangsarbeiter (Italiener,
Franzosen u. Polen) machten mehr als 2 Drittel der damaligen MBA Belegschaft von insgesamt 1700 aus.


Maybach Panzermotor (Foto: IFA-Museum)
Bild 5: Maybach Panzermotor HL 120



1945 kehrte der Krieg, der von deutschem Boden ausgegangen war, mit aller Härte auch nach Nordhausen zurück. Bei Bombenangriffen wurden am 3. und 4. April 1945 große Teile der Innenstadt zerstört, Schätzungen gehen von über 8800 Toten aus. Das Werk der MBA blieb jedoch von Bombenschäden verschont. Am 11. April marschierten die amerikanischen Truppen in Nordhausen ein. Sofort besetzten sie das MBA-Werk. Am folgenden Tag wurde der Belegschaft der Zutritt zum Betrieb verwehrt. Aber schon Ende Mai ließen die Amerikaner die Neugründung der Montania GmbH wieder zu. 100.000 Mark Stammkapital wurden eingebracht. Nach einem Aufruf meldeten sich in kurzer Zeit 350 Fachkräfte wieder an ihren Arbeitsplätzen. Bis zum Jahresende 1945 sollten 2.375 Stück Schlepper gebaut werden. Das war die Zielstellung, die amerikanische Offiziere an die neue Geschäftsleitung vorgegeben hatten. Nachzulesen in einem Protokoll vom 18. Juni 1945. Aber es kam anders, alles kam schlimmer: Am 5. Juni 1945 hatten die vier Besatzungsmächte den endgültigen Grenzverlauf des geteilten Deutschland festgelegt. Danach kam Thüringen ab 1. Juli 1945 zur sowjetisch besetzten Zone.

Nachkriegszeit - Sowjetisches Geheimprojekt A4- Raketen

Anfang 1944 war die Produktion der V-Raketen von Peenemünde nach Nordhausen verlagert worden. Konstruktions- und Entwicklungsbüros wurden jedoch erst ab 17.2.1945 in Bleicherode unter dem Tarnnamen „Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau“ EGM wieder eingerichtet. Im Kohnstein, dem berüchtigten Außenlager Mittelbau-Dora des Konzentrationslagers Buchenwald hatten KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen unterirdische Produktionsräume schaffen müssen, in denen die Raketenproduktion fortgesetzt wurde. Bis März 1945 liefen 5975 Raketen von den Montagestraßen. Laut SS-Statistik starben etwa 12.000 Zwangsarbeiter an den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Als am 11. April 1945 die Amerikaner das Lager Dora befreiten, übernahmen sie 110 A4-Raketen (die Typenbezeichnung der sog. „Wunderwaffe“ V2), die Konstruktionszeichnungen und die Mehrheit der Raketentechniker. Lediglich die erste Garnitur der Spezialisten um Wernher von Braun und Walter Dornberger hatte sich am 5. April von Bleicherode nach Oberammergau und dann ins Allgäu abgesetzt, um sich am 3. Mai 1945 in Reutte in Tirol den Amerikanern zu ergeben. Diese hatten damit das komplette Raketen- Know-how in der Hand.

Als die Rote Armee am 5. Juli das „Mittelwerk“ im Kohnstein besetzte , waren von der Raketenproduktion nur noch Reste zu finden und von der Raketenentwicklung (EGM) in Bleicherode kaum noch etwas. Laut Stalins Befehl sollten jedoch Offiziere in geheimem Auftrag sofort die deutsche Raketentechnik beschlagnahmen und nach Russland transportieren. Nun standen sie ratlos vor den leergeräumten Aktenschränken und den Resten der Raketenproduktion, unfähig ohne Konstruktionsunterlagen diese Technik in Russland nachzubauen.

Ein hoher Sowjetoffizier erinnerte sich da an einen genialen russischen Raketenkonstrukteur Koroljow, dem er als einzigen zutraue, die deutsche A4-Raketentechnik zu rekonstruieren. Es stellte sich aber fataler Weise heraus, dass dieser Koroljow durch Denunziation seit 1938 unschuldig in den GULAGs an der Kolyma und in Kasan schmachtete. Kurzer Hand wurde Sergej Pawlowitsch Koroljow aus dem GULAG geholt, in die Uniform eines Oberst gesteckt und in die SBZ (Sowjetisch besetzte Zone) nach Deutschland geschickt.

Inzwischen hatte die sowjetische Militäradministration SMAD alle noch verbliebenen deutschen Raketenspezialisten in Bleicherode im neu gegründeten Raketeninstitut RABE (Raketenbau und Entwicklung) zusammengetrommelt. Die sowjetischen Werber brachten es sogar fertig, den unverzichtbaren Steuerungs- und Messtechnik- Spezialisten Helmut Gröttrup aus Witzenhausen (nunmehr amerikanische Zone) mit attraktiven Angeboten in die Sowjetzone nach Bleicherode zu locken: Familie Gröttrup erhielt die „Villa Stark“ in Bleicherode, das Gut Timpe in Trebra mit Personal und Viehbestand, ferner einen BMW-PKW und für Frau Gröttrup ein Reitpferd. Binnen kurzer Zeit gelang es Koroljow und B. J. Tschertok, der gut Deutsch sprach, mit Hilfe der deutschen Ingenieure die Raketenpläne zu rekonstruieren. Dipl.-Ing. Oswald Kubatschka erinnert sich: „Als 14-jähriger Flüchtling aus Schlesien 1945 in Kleinbodungen gelandet, war ich froh im Institut RABE eine Lehre als Techn. Zeichner bei so hochkarätigen Ingenieuren antreten zu können und das bei bester Verpflegung in dieser Zeit von Hunger und Not“.

Noch 1945 bauten die Sowjets die komplette Struktur von Raketenentwicklung und Produktion in Thüringen wieder auf. Dieser neue „Raketenkonzern“ firmierte nun unter der Tarnbezeichnung Zentralwerke, auch der Name „Institut Nordhausen“ taucht auf. Leiter war L. M. Gajdukow und Chefingenieur S. P. Koroljow. Das ehemalige MBA-Werk in Nordhausen wurde ein Produktionsstandort der Zentralwerke und hieß nun Montania Werk 2 /Triebwerksbau. Dipl.-Ing. Albert Heber: „Nach den rekonstruierten Zeichnungen wurden in Halle 3 von 1946 bis 1947 die Hauptantriebsaggregate für die V2-Raketen hergestellt. (Bild 6) Als Werkzeugmacher habe ich Vorrichtungen für die Serienproduktion der A4 gebaut.“ Stellvertretender Leiter (Hauptingenieur) dieses Nordhäuser Werkes war der unter W. von Braun bereits tätige Erich Apel, der spätere Leiter der Staatlichen Plankommission der DDR. Man war also weder von sowjetischer noch später dann von DDR-Seite zimperlich und nachtragend, wenn es um die Nazivergangenheit von wichtigen Spezialisten ging. Das Schicksal von Dr. Erich Apel erschüttert bis heute: Er erschoss sich am 3.12.1965 aus Protest gegen den von Moskau diktierten neuen Handelsvertrag mit der DDR.

Brennkammer mit Turbine und Dampferzeuger (Foto: IFA Museum)
Bild 6: Raketentriebwerk A4

Im September 1946 arbeiteten allein in der Montania Werk 2 Nordhausen 151 Ingenieure und Techn. Zeichner sowie 560 Facharbeiter. Das Werk war ausgerüstet mit 210 Drehbänken, 740 weiteren Werkzeugmaschinen und Anlagen und sogar 2 Prüfständen für die Triebwerkserprobung. Die Zahl der insgesamt in den Zentralwerken (Werk 1 Sömmerda bis 4 Sondershausen) und in den Entwicklungsabteilungen tätigen Ingenieure und Facharbeiter wird auf ca. 5000 geschätzt (die Zahlen schwanken je nach Quelle zwischen 2.500 und 7.000).

Schon am 22. Oktober 1946 hatte die Rote Armee in einer spektakulären Nacht- und Nebelaktion die Ingenieur-Elite des „Objektes Bleicherode“ (vormaliges Institut RABE) samt ihren Familien zwangsweise zur Insel Gorodomlja im Seligersee in Russland verbracht. Auf dieser nur 1,4 Quadratkilometer kleinen Insel mussten sie bis 1952 weiter an der Raketenentwicklung für Stalins Rüstungs- und Weltraum-projekte arbeiten. Es war eine der größten militärischen Verschleppungsaktionen, die an diesem 22. Oktober 1946 in der Sowjetzone anlief. Schätzungen gehen von 8.000 bis 10.000 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern aus, die aus sämtlichen Bereichen der deutschen Forschung in die Sowjetunion deportiert wurden.

Aber erst am 15. Juni 1947 wurde die gesamte Produktion der Nordhäuser Montania auf Befehl des Stabschefs der Artillerie der Roten Armee M.I. Nedelin nach Kapustin Jar südlich von Stalingrad verlegt. Dort wurden unter sowjetischer Regie am 18.10.1947 dann die ersten elf V2 aus Thüringer Produktion verschossen.

Für das Nordhäuser Werk bedeutete dies die komplette Demontage und die Sprengung nahezu aller Gebäude. Verwertbare Güter, Maschinen, Ersatzteile wurden auf Züge gen Osten verladen. „Wir haben uns beim Verladen der Maschinen aus verständlichen Gründen keine große Mühe gegeben“, sagt Albert Heber, „wir mussten ja mit eigenen Händen unsere Existenzgrundlage zerstören“. Das Werk sah nach der von den Sowjets befohlenen „Demontage“ aus wie nach einem Bombenangriff. Zu DDR-Zeiten wollte man der IFA-Belegschaft weismachen, das Werk sei von anglo-amerikanischen Bombern zerstört worden.

Das Werk nach der Demontage und Sprengung  (Foto: IFA-Museum)

Bild 7: Montania-Werk nach der "Demontage"

Diese spannende Historie der Zentralwerke kommentierte der legendäre Raketeningenieur in Majorsuniform B. J. Tschertok, Mitbegründer des Raketen-Geheimprojektes in Nordthüringen, in einem seiner Bücher so: „Gagarins Flug (ins Weltall am 12. April 1961) begann in Bleicherode“ und, wir fügen hinzu, auf dem Boden des heutigen IFA-Industrieparks Nordhausen.

In der ungewissen Interimszeit 1947 stößt man in den Archiven auf makabere Befehle der Russischen Kommandantur bezüglich der Verwendung des Montaniageländes: Am 2.4.1947 der Befehl, einen Stacheldrahtzaun um das Gelände zu ziehen; am 5.4. der Befehl, ein sogenanntes „Schwarzgängerlager“ im Verwaltungsgebäude einzurichten. Schon am 29.4. treffen dann vom Gendarmerieposten Niedersachswerfen 213 „Personen“ ein, die im Lager interniert werden. Diese „Schwarzgänger“ hatten nichts anderes verbrochen als z.B. von Ellrich nach Walkenried über die „Demarkationslinie“ (so hieß die Grenze zwischen der britischen und der sowjetisch besetzten Zone) zu gehen.

Aber auch ein ganz anderer Fund im Stadtarchiv zur Situation der Montania 1947, die Akte S938 sei erwähnt: Am 19.4.1947 gründeten ehemalige Montania-Mitarbeiter, darunter auch der ehemalige Betriebsdirektor Karl Sauerbrey den Unterstützungsverein Montania. Ihr Ziel: Die materielle Unterstützung von in Not geratenen Montanianern, insbesondere deren Witwen und Waisen. Man ist heute tief beeindruckt von dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Montaniabelegschaft und der sozialen Verantwortung, von der diese Vereinsgründung zeugt. Wie auch andere Vereine wurde mit Gründung der DDR der Unterstützungsverein Montania aufgelöst.

Neubeginn - Traktorenproduktion

1948 dann der Neubeginn. Es sollten wieder Traktoren gebaut werden. Neben der MBA gab es bis Kriegsende noch einen weiteren Traktorenhersteller in der Stadt, die 1937 gegründete NORMAG und spätere NOBAS. Deren in Blockbauweise gefertigte Traktorentypen NG 10, NG 20 und NG 22 waren mit Deutz und MWM-Motoren ausgerüstet und übertrafen die Produktionszahlen der MBA-Schlepper. (Bild 8) Allein vom NG 22 sind knapp 5000 Schlepper in Nordhausen produziert worden. Kurz vor Einmarsch der Roten Armee war die Firma allerdings nach Zorge in die Westzone gegangen. Heute haben NORMAGs einen Kultstatus unter den Oldtimer-Traktoren.

Normag NG 10 (Foto: IFA-Museum)
Bild 8: NORMAG-NG 10

Am 1. Juli 1948 wurde der VEB IFA Schlepperwerk Nordhausen gegründet und der IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke angegliedert. Das gesamte Vermögen der Montania GmbH ging an den neuen VEB, wurde also quasi enteignet. Im neuen IFA-Werk vollzog sich nun ein kleines Nordhäuser Wirtschaftswunder: Bis zum 15. November 1949 wurden u.a. acht neue Produktionshallen, eine Trafostation und ein Heizwerk errichtet. Am 22. Juli 1949 ging in der Halle 14 als erster neuer Nordhäuser Traktor die Brockenhexe in Serie. (Bild 9) Technik und Optik des Zweizylinder-Dieseltraktors mit 22 PS erinnerten noch an den ehemaligen Bauernschlepper.

Brockenhexe (Foto: IFA-Museum)
Bild 9: Brockenhexe

In den folgenden Jahren ging es Schlag auf Schlag: kurzzeitig wurden zehn Exemplare des Geräteträgers „Maulwurf“ produziert, bevor die Fertigung nach Schönebeck verlegt wurde, dann folgte der legendäre Traktor Pionier (RS 01/40), dann 1953 der RS 04/30 und schließlich 1956 eine völlige Neuentwicklung, der RS 14/30. Letzterer erhielt zunächst den Namen Favorit, Namensstreitigkeiten führten dann zur Bezeichnung Famulus. Der Famulus und seine weiterentwickelten Varianten sollten über ein Jahrzehnt lang das Aushängeschild des Nordhäuser Schlepperwerks werden. Basis aller gefertigten Traktoren war der so genannte Einheitsmotor EM 4 bzw. dessen Variante EM 2. Auch dieser Motor wurde in Nordhausen gefertigt. Traktorenbau und Motorenbau befanden sich somit unter einem Dach. Für die Zukunft des Werkes sollte dies von entscheidender Bedeutung sein. Zunächst aber zu den Traktoren:

Der von 1950 bis 1956 in einer Stückzahl von 19113 Traktoren im IFA SN gebaute Pionier war bis Ende des Krieges unter der Bezeichnung FAMO in Breslau produziert worden. Beim Anrücken der Roten Armee hatten FAMO-Ingenieure Konstruktionsunterlagen und Produktionseinrichtungen von Breslau nach Mitteldeutschland ausgelagert. So konnte die Produktion dann sehr schnell unter der neuen Typbezeichnung RS01/40 Pionier zunächst im Zwickauer Horchwerk und dann in Nordhausen wieder aufgenommen werden. (Bild 10) Der „Pionier“ hat wie keine andere Landmaschine das Bild der bäuerlichen Landwirtschaft der DDR in den 50er Jahren geprägt. Durch die Bodenreform 1945/1946 waren Gutsbesitzer und sog. Großbauern enteignet worden. Die Vielzahl der so entstandenen Neubauern- und kleinbäuerlichen Betriebe waren ohne Landtechnik, mussten in Handarbeit Felder bestellen und abernten. Selbst die Getreidefelder wurden mit Sense gemäht (“gehauen“), die Halme von den Bauersfrauen mit Sichel „abgenommen“ und dann von Kindern mit Strohseilen zu Garben gebunden. Um diesem Mangel an Landtechnik Herr zu werden, gründete man 1949 also etwa zeitgleich mit der DDR die MAS (Maschinen-Ausleih-Stationen) die dann 1953 zu MTS (Maschinen- und Traktoren-Stationen) wurden. Diese MAS / MTS übernahmen für die klein- und mittelbäuerlichen Betriebe z.B. die Getreidemahd. Unmittelbar nach ihrer Gründung standen jedoch den MAS nur Alttraktoren und Mähbinder z.B. der Fabrikate Lanz und Fahr von den enteigneten Gutsbetrieben zur Verfügung. Mit dem Nordhäuser Pionier und dem neuen Mähbinder aus dem Meteorwerk Zella-Mehlis verfügte dann die MTS zunehmend über neue und produktivere Technik. Das Gespann IFA-Pionier mit Meteor-Zapfwellenmähbinder war die Hightech auf den Getreidefeldern der frühen 50er Jahre. Der Traktorist war der „King“. Er und sein Beifahrer auf dem Mähbinder wurden von den Bauern mit Bier und üppigen Wurstbroten verwöhnt. Wenn dann die maschinell gebundenen Getreidegarben geradezu dekorativ geordnet auf dem Stoppelfeld lagen, blieb dem Bauern nur noch, die Garben in sogenannten „Hocken“ oder „Puppen“ zum Trocknen aufzustellen. Immer neun Garben je Hocke. Auch heute noch darf auf Vorführungen historischer Landtechnik das Gespann Pionier mit Mähbinder nicht fehlen.

Pionier mit Anhängepflug (Foto: IFA-Museum)

Bild 10: Pionier RS 01/40 mit Anhängepflug

Der Arbeiteraufstand in Berlin am 17. Juni 1953 erschütterte auch Nordhausen und das IFA- Werk als Schwerpunktbetrieb der DDR-Wirtschaft. Vorausgegangen waren 1952 folgenschwere Entscheidungen der Ulbricht-Regierung: Die Abriegelung der Zonengrenze, Zwangsaussiedlung nicht linientreuer Bewohner des Grenzgebietes, Verstärkung der kasernierten Volkspolizei auf 100.000 Mann und schließlich eine zweimalige Erhöhung der Arbeitsnormen 1953 um jeweils 10 %. Bei der zynischer Weise „Aktion Ungeziefer“ genannten Zwangsaussiedlung standen z.B. in Ellrich 143 Familien mit 521 Personen auf der schwarzen Liste. Die „Aktion Ungeziefer“ begann am 7. Juni 1952 pünktlich um 5.00 Uhr in allen Grenzorten gleichzeitig und verlief „planmäßig“, wie der Leiter des VPKA (Volkspolizeikreisamt) Fritz Pabst später zufrieden einschätzte.

Unmittelbar nach der zweiten 10%-igen Normerhöhung im Mai 1953 kam es im Landkreis Nordhausen zu ersten offenen Aktionen gegen die Willkürherrschaft der Regierung. Auch im Schlepperwerk kam es wenige Tage vor dem 17. Juni schon zu Arbeitsunterbrechungen. In der Abteilung Kurbelwelle sollten nachts um 2.00 Uhr die Arbeitsnormen überprüft werden. Dann am frühen Morgen des 17. Juni heulte auf dem nahen Kornhaus die Sirene mit der Botschaft „Die Schlepperwerker stehen im Streik“! Eine für 13.00 Uhr vorgesehene Demonstration in das Stadtgebiet wurde durch Volkspolizei und Rote Armee gewaltsam verhindert. Die Werktore der IFA wurden abgeriegelt, ein Verlassen des Betriebes war nicht mehr möglich. Vermeintliche Rädelsführer wurden verhaftet. Einige Arbeiter, die vorgewarnt wurden, konnten sich der Verhaftung durch sofortige Flucht in den Westen entziehen. Am 18.Juni weitete sich der Streik im Schlepperwerk aus. 1200 IFA-Beschäftigte streikten und riefen Losungen, wie „Hinweg mit der Regierung“, „Freilassung der am Vortag Festgenommenen“ und „Aufhebung des Ausnahmezustandes“. Im Schachtbau erklärten sich 400 Arbeiter mit den Schlepperwerkern solidarisch.

Im ABUS Maschinenbau (spätere NOBAS) streikten ebenfalls 400 Arbeiter.
Streikleiter war in diesem Betrieb der Sozialdemokrat Otto Reckstat, ein redegewandter, überzeugender ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär. Bereits in der Nazizeit war er inhaftiert worden. Otto Reckstat war nun in der ABUS zur Symbolfigur und zum Wortführer der Arbeiter geworden. Das wurde ihm nach der Niederschlagung des Aufstandes zum Verhängnis. Otto Reckstatt wurde vom Bezirksgericht Erfurt in einem Schauprozess als „Agent“ und „Provokateur“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Dieser aufrechte und mutige Mann hatte die Charakterstärke, nach seiner Verurteilung ein Angebot der Stasi abzulehnen. Man hatte ihm eine vorzeitige Entlassung aus der Haft angeboten, wenn er eine Spitzelverpflichtung unterschreiben würde. Am 21. Dezember 1956 kam Otto Reckstat wieder frei. Seine in England lebende Tochter Herta Simpson hatte ein Gnadengesuch an Wilhelm Pieck geschrieben, so dass die Strafe auf vier Jahre verkürzt wurde.

Aber zurück zum Arbeitsalltag im Schlepperwerkund zum Haupterzeugnis, Famulus 60 (Foto: IFA-Museum)
Famulus RS 14 (Foto: IFA-Museum)Typ Harz (Foto: IFA-Museum) IFA-Werk wird größter Dieselmotorenproduzent der DDR EM 4 Schnittmodell (Foto: IFA-Museum)Das IFA Gelände um 1990 (Foto: IFA-Museum)
Bei der personellen Neubesetzung wichtiger Leitungspositionen 1965 Prüfstand  (Foto: IFA-Museum)
4 VD 14,5/12 SRW - 2 (Foto: IFA-Museum)durch die Wüste Mexikos  (Foto: IFA-Museum)
Einsatz der Motoren in Finalprodukten (Foto: IFA-Museum)
4VD 14,5/12 SRW-1 (Foto: IFA-Museum) Neben Motoren stellte das Werk sog. „Konsumgüter“ her, Sauna Schwimmbad (Foto: IFA-Museum)
Zahnarzt (Foto: IFA-Museum)Motor Nordhausen (Foto: IFA-Museum)
Betriebsschule (Foto: IFA-Museum)Betriebskampfgruppe (Foto: IFA-Museum) Zurück zur Technik! 6 Vd 13,5/12 SRF  (Foto: IFA-Museum)
Prototyp LKW L 60  (Foto: IFA-Museum)
6 VD 12/11 GRF (Foto: IFA-museum)Messerschmidt Bus (Foto: Steinmetz)
Inzwischen war 1978 die VVB Automobilbau in 4 Kombinate aufgespaltet worden. Das Nordhäuser Werk gehörte nun zum IFA Kombinat Nutzfahrzeuge in Ludwigsfelde. Wieder begann die frustrierende Ungewissheit, ob es für den neuen 13,5-er Motor endlich eine Perspektive zur Serienproduktion gibt. Noch bis 1983 sollte es dauern bis dann der Startschuss für das milliardenschwere Investvorhaben L60 in Ludwigsfelde und damit auch für das Projekt 6VD 13,5/12 in Nordhausen fiel. Ein politisches Ereignis fiel in dieses Jahr 1983: Der in der DDR meist gehasste CSU-Politiker Franz-Josef Strauß verhandelte im Juli 1983 mit Honecker über einen Milliarden-Kredit westdeutscher Banken für die marode DDR-Wirtschaft. Strauß machte für den Kredit den Abbau der Minen und Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze zur Bedingung. Dieser Strauß-Kredit ermöglichte es bekanntlich der DDR, die zeitweilige Kreditverweigerung westlicher Banken zu durchbrechen. Ob auch damit das L60-Investvorhaben erst möglich wurde, wird von Zeitzeugen kontrovers diskutiert.

1987 wurde der Produktionsanlauf des neuen Motors gefeiert. (Bild 32) Immerhin verließen bis zur Wende noch 22.918 Motoren 6VD 13,5/12 die Montagestraße. Besondere konstruktive Merkmale dieses modernen und optisch schönen 180 PS Sechszylinder-Reihenmotors sind: Einzelzylinderköpfe, Voraussetzung für Baureihenprinzip; Pat. Neuheit der Sphärogußkolben mit Hyperboloid - Brennraum; Evolventen- Wärmetauscher in der Ölwanne mit eingegossenen Kühlwasserkanälen. Produktionsstätte für die neue Motorbaureihe VD 13,5/12 ist die imposante Halle 300 am Hüpedenweg. (Bild 33)

Die neue Produktionshalle 300 (Foto: IFA-Museum)

Bild 33: Halle 300 am Hüpedenweg

Die Planungen für die Halle 300 hatten bereits 1977 begonnen. 1981 wurde der Gebäudekomplex fertig gestellt. Nochmals vergingen 2 Jahre bis zur Erteilung der Aufträge an die Lieferfirmen für die technologische Ausrüstung. Es folgte die komplexe Rekonstruktion des gesamten Motorenwerkes für den Serienanlauf der neuen Motorenbaureihe. Modernste Fertigungseinrichtungen wurden in Halle 041, 042 und 300 aufgebaut. Die wichtigsten vollautomatischen Fertigungslinien sind die Kurbelwellen-, Nockenwellen-, Pleuelstangenstraße und die Zahnradfertigung. Die Montagestraße ist flexibel für 4- und 6-Zylindermotoren konzipiert. (Bild 34) Wichtig für die Qualitätskontrolle: ein Feinmesszentrum von internationaler Spitzenklasse. (Bild 35)

Montageband (Foto: IFA-Museum)

Bild 34: Montagestraße für 4- u. 6-Zylindermotoren

Feinmessraum  (Foto: IFA-Museum)

Bild 35: Feinmessraum

Sowohl die Motorenbaureihe 12,5/12 als auch 13,5/12 war bereits für eine Leistungserhöhung durch Abgasturboaufladung konzipiert. Auf dem Prüfstand der Forschungsabteilung lief parallel zur Entwicklung des Saugmotors auch die jeweilige Turboversion einschließlich Ladeluftkühlung. Leider war ein 1981 mit der Fa. KKK in Frankenthal bereits verhandelter Lizenzvertrag zur zukünftigen Produktion von Abgasturboladern in der DDR geplatzt - aus Devisenmangel! Damit musste die Serieneinführung eines turboaufgeladenen 6VD 13,5/12 bis auf weiteres ad acta gelegt werden. Erst 1990 in der neuen IFA Motorenwerke GmbH wurde die Turboversion 6 VD 13,5/11,8 Wirklichkeit. Mit 272 PS war dieser leistungsstärkste Motor der 13,5-er Baureihe international voll wettbewerbsfähig. Nur 50 Turbo-Sechszylindermotoren wurden jedoch ab 1990 noch gebaut. IFA-Innovationen aus Nordhausen LNG-PKW Polski Fiat (Foto: Steinmetz)
LNG-LKW W 50 (Foto: Steinmetz)
LNG Traktor ZT 300 (Foto: Steinmetz)
Common Rail Dieselmotor (Foto: IFA-Museum)
Das IFA-Motorenwerk nach der Wende Heute wird immer wieder die Frage gestellt: „War der Untergang der IFA unvermeidlich?“ Natürlich ist man im Nachhinein immer klüger. Trotzdem drängen sich einige Fehler und Versäumnisse geradezu auf:
  • Sich auf die Hilfe „von oben“ wie Daimler und Dr. Krause & Co zu verlassen war naiv und leichtfertig. Konnte man wirklich annehmen, dass Daimler in seinem Mannheimer Motorenwerk Tausende Mitarbeiter entlässt, um mit der IFA das größte Dieselmotorenwerk in Ostdeutschland zu übernehmen?
  • So wie an anderen ostdeutschen Industriestandorten mit Erfolg geschehen, hätte man sofort Kontakte mit den wichtigsten „Global Playern“ im Bereich der Nutzfahrzeug-Motoren aufnehmen müssen. Nur mit diesen großen internationalen Wettbewerbern hätte man Firmen wie Daimler und MAN „Beine machen“ können.
  • In Nordhausen fehlten in Kommunalpolitik und Wirtschaft Persönlichkeiten, die über entsprechende Verbindungen verfügten. Wichtige Fachleute in der IFA, denen man die erforderlichen Initiativen zugetraut hätte, hatten aus verschiedenen Gründen schon 1990 die IFA verlassen.
  • Ein Fehler in der großen Politik wirkte sich fatal auf die Deindustrialisierung in Ostdeutschland aus: Mit großzügigen Abfindungen und Vorruhestands-Regelungen wurde ein Großteil der Ingenieurgeneration eines ganzen Jahrzehnts quasi in den Ruhestand gelockt. Man traute ihnen und manchmal sie sich selbst nicht mehr den Neueinstieg in die Marktwirtschaft zu. Ein folgenreicher Irrtum! Wie sich herausstellte waren die Ingenieure und Facharbeiter aus der DDR ihren Westkollegen in Ausbildung und Motivation mindestens ebenbürtig. Was hätten die so unnötig durch die Sozialsysteme alimentierten Vorruheständler an Ingenieurwissen einbringen und neue Arbeitsplätze schaffen können! Auch auf die Gesundheit der Betreffenden hat sich der plötzliche Verlust an Verantwortung nicht immer positiv ausgewirkt.
Quellen: